Der Sommer kam und Ulm war der schönste Ort in Deutschlands südlicher Hemisphäre. Der Bügelverschluss des lecker Bierchen ploppt und spielt dabei den Sound, der uns in klasse Outfits lächelnd nach draußen treibt. Die Uferbar lebt, die Szenerie ist geprägt vom Aperol Orange und Klängen des Gitarristen. Auf einen Fußgänger kommen sieben Jogger, 21 Radfahrer und fünf E-Scooter. Der Weg bietet zu wenig Platz für das Ego der Rennradfahrer, aber genug Unterhaltung für zwei Tassen Kaffee und ein Bier.
Die Donau steht so tief, dass sich ein Strand aus Steinen offenbart. Liegestühle werden platziert, Studenten spielen Bierball. Es ist Nachmittag, ich lese Nachmittage von Schirach und fühle mich wahnsinnig intellektuell. Fast so intellektuell wie die Filmstudenten, die mir neulich in einem Berliner Café gegenüber saßen und innerhalb von zehn Sekunden fünfmal das Wort Ambivalenz in den Mund nahmen, um die gescheiterte Beziehung der Charaktere ihres Kurzfilms zu beschreiben. Nimm endlich dein echt köstlich aussehendes Stück Kuchen in den Mund, denn mit vollem Mund spricht man nicht, hat Opa mal gesagt. Recht hat er, der Opa.
Das ältere Paar neben mir hat Streit, aber nur weil der Mann sein Hörgerät vergessen hat und seine Frau nicht versteht, die sich darüber aufregt, dass ihr Mann ihr nicht zuhört. Sie setzt sich auf ihren Senioren Scooter und fährt mit dem Tempo eines Fußgängers davon. Ich werfe ihm einen Blick zu. "Wenn man glücklich verheiratet ist, muss man sich auch mal streiten", sagt er. Wer ist glücklich und wer ist verheiratet, murmel ich etwas zu laut vor mich hin. Aber er hat ja sein Hörgerät vergessen. Vielleicht will er auch gar nicht hören, was um ihn herum passiert. Wir nehmen dafür Kopfhörer und verpassen. Haben wir nur Musik im Ohr oder hören wir nicht mehr zu? Wir laufen durch die Gegend, aber hören sie nicht. Die Geräusche des Alltags sind durch AirPods und Noise Cancelling eine bewusste Entscheidung geworden.
Die Uferbar wird voller, Liegestühle rar, einzelne Gespräche vermischen sich zu einem Grundrauschen. Ich tausche den Kaffee gegen 0,33 l Bier, drehe die nächste Zigarette und romantisiere den Moment. Es sind häufig die Momente zwischendurch, die unscheinbaren Augenblicke. Das unerwartete Lächeln, die immer wieder Gespräche mit denselben Menschen an denselben Orten, der gemeinsame Nach-Hause-Weg vom Club, das eigentliche Highlight der Nacht. Die Tiraden in den Refugien des Überflusses sind nichts gegen die unscheinbaren Erzählungen aus weißen Plastikstühlen im Garten. Es sind die Fußnoten des Alltags, all diese kleinen Momente.